Olivenzweige, Folge 8

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Oh nein, ist das ein doofer Arzt. Der arme Yves, wartet Stunden und darf dann nicht mal erfahren, was mit Hèlene los ist. Mal davon abgesehen, dass Ihr, liebe Leser, genauso gespannt sein dürftet, oder? Aber bald erfahrt Ihr alles. Versprochen!

70 Stunden in der Woche hatte Yves im elterlichen Verlag gearbeitet. Peter Alfred Hess, "Central St. Giles Court", Some rights reserved, Quelle: www.piqs.de
70 Stunden in der Woche hatte Yves im elterlichen Verlag gearbeitet.
Peter Alfred Hess, “Central St. Giles Court”, Some rights reserved , Quelle: www.piqs.de

“Stimmt so, vielen Dank!” Yves gab dem Fahrer einen Schein und stieg aus dem Taxi. Die vier Gebäude, die ursprünglich alle zusammen gehört hatten, lagen einsam im Dunkel der Nacht. Yves sah auf die Uhr. Es war fünf Uhr, er  hatte geschlagene sechs Stunden in der Klinik verbracht. Schnell ging er auf das Wohnhaus von Hèlene zu. Kein Licht brannte, nur Gastons Auto, ein wunderschöner alter Alfa Spider, stand auf dem Hof.

Das Haus lag genau neben seinem, es war ein wenig größer, sah aber sonst genau gleich aus. Im Grund genommen war sein neues Zuhause eine Miniaturausgabe des Herrenhauses. Wo er jetzt wohnte, war früher das  Gesinde untergebracht, aber das war lange, lange her. Die beiden anderen Gebäude, ehemalige Stallungen, standen etwa hundert Meter weiter weg. Sie hatten schon nicht mehr zum Besitz gehört, als  Hèlenes Mutter den Olivenhain gekauft hatte.
“Gaston!”, rief Yves laut und polterte gegen die Tür. “Gaston, bist Du da?”
Nichts.
“Gaston, mach auf! Es ist dringend.”
Nichts.
“Gaston, Himmel. Ich weiß, dass Du da bist. Schwing Deine Knochen aus dem Bett und mach auf!” Yves brüllte jetzt. Oben ging Licht an.
“Mann, was soll denn das?” Yves hörte Schritte auf der Treppe. Gaston öffnete die Tür. Er hatte nichts an außer einer Unterhose, sein Haar war wirr und er konnte kaum die Augen offen halten.
“Bist Du übergeschnappt?”, fuhr er Yves an. “Es ist mitten in der Nacht.”
“Hèlene ist im Krankenhaus. Du musst mitkommen. Schnell. Es geht ihr schlecht und die Ärzte dürfen nur mit Angehörigen sprechen. Zieh Dich an. Los!”

Hinter Gaston tauchte eine junge Frau auf. Sie hatte sich ein Laken umgewickelt, offenbar war sie darunter nackt. Auch sie sah ziemlich verschlafen aus.
“Gaston, was ist denn los?”, fragte sie.
“Nichts Schatz”, antwortete Gaston. “Es ist nur unser verrückter Nachbar. Geh wieder ins Bett.” Die Frau verschwand.
“Könntest Du mir jetzt bitte erklären, was passiert ist?” Yves fuhr sich durchs Haar.
“Ich habe Hèlene bewusstlos im Garten gefunden und den Rettungswagen angerufen. Sie haben sie fünf Stunden lang untersucht und offenbar Besorgniserregendes gefunden. Los jetzt, komm. Wir nehmen meinen Wagen.”
“Muss das jetzt sein? Es ist mitten in der Nacht, Mann. Kein Mensch geht da aus dem Haus.”

Yves schüttelte den Kopf. Soviel Egoismus hatte er selten gesehen. Oder war es Dummheit?
“Gaston”, sagte er eindringlich. “Hèlene ist krank. Sehr krank, wenn ich es richtig einschätze. Du kannst mir glauben, ich würde ihr liebend gerne allein helfen, ohne Dich zu belästigen. Aber die Ärzte wollen Dich sprechen. Du bist ihr einziger Verwandter.”
“Oh Mann”, maulte Gaston. “Nie hat man seine Ruhe.”
Yves rührte sich nicht vom Fleck. Wenn es sein müsste, würde er Gaston am Kragen ins Auto zerren. Warum hatte Hèlene diesen Nichtsnutz nicht schon lange zum Teufel gejagt?
“Gut, ich zieh mir schnell was über”, sagte Gaston endlich. Offenbar war ihm der Ernst der Lage klar geworden. “Aber in einer Stunde muss ich wieder zurück sein. Ich brauch meinen Schlaf, sonst kann ich den Surfwettbewerb heute Nachmittag vergessen”, sagte er und stieg die Treppe hinauf.

Würdest Du nicht jede Nacht ein anderes Flittchen mit ins Bett nehmen, hättest Du genug Schlaf, dachte Yves, sagte aber nichts.
“Ich geh rüber und hol meinen Autoschlüssel”, rief er Gaston stattdessen hinterher.

Hier geht’s zur Folge 9 von “Olivenzweige”

Eine Antwort

  1. Du machst es aber wieder spannend. Sue

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